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Pflanzenkläranlagen als vierte Reinigungsstufe: Potenzial vertikaler und hybrider Pflanzenfilter zur Entfernung von Spurenstoffen

Die Anforderungen an die kommunale Abwasserbehandlung steigen. Mit der neuen EU-Richtlinie 2024/3019 über die Behandlung von kommunalem Abwasser werden die Anforderungen an die Entfernung von organischen Spurenstoffen wie Arzneimittelrückständen, Pestiziden und hormonell wirksamen Substanzen deutlich verschärft.

Artikel 8 der Richtlinie sieht die schrittweise Einführung einer vierten Reinigungsstufe für kommunale Kläranlagen ab 150.000 Einwohnerwerten sowie für Anlagen in bestimmten Gebieten mit erhöhtem Risiko durch Mikroschadstoffe ab 10.000 Einwohnerwerten vor. Bis spätestens Ende 2045 sollen die entsprechenden Anforderungen vollständig umgesetzt sein.

vonManuel Schmelzle/22. September 2026 21:44
Häusliches Abwasser, Innovation und Forschung

Abb.: Netzwerkvisualisierung zentraler Forschungsbereiche und Zusammenhänge rund um Pflanzenkläranlagen (Constructed Wetlands). Quelle: Kushwaha et al. (2024), Chemosphere.

Neben technischen Verfahren wie Ozonung und Aktivkohlebehandlung rücken auch naturnahe Lösungen in den Fokus der Forschung. Doch können Pflanzenkläranlagen einen relevanten Beitrag zur Entfernung organischer Spurenstoffe leisten und damit als eigenständige oder ergänzende vierte Reinigungsstufe eingesetzt werden?

Zwei wissenschaftliche Übersichtsarbeiten aus dem Jahr 2024 beschäftigen sich mit dieser Fragestellung und zeigen, welche Möglichkeiten insbesondere vertikale und hybride Pflanzenfilter bieten, welche Reinigungsleistungen bereits nachgewiesen wurden und wo weiterhin Forschungsbedarf besteht.

Wie können Pflanzenkläranlagen Spurenstoffe entfernen?

Pflanzenkläranlagen nutzen das Zusammenspiel physikalischer, chemischer und biologischer Prozesse. Organische Spurenstoffe können an das Filtermaterial gebunden, durch Mikroorganismen abgebaut oder von Pflanzen aufgenommen und teilweise umgewandelt werden. Die Wirksamkeit hängt dabei wesentlich von den Eigenschaften der jeweiligen Substanz, der Sauerstoffversorgung, dem Filtermaterial und der hydraulischen Aufenthaltszeit ab.

Die beiden Übersichtsarbeiten von Kushwaha et al. (2024) sowie Gebru und Werkneh (2024) zeigen, dass Pflanzenkläranlagen bei verschiedenen organischen Spurenstoffen deutliche Konzentrationsminderungen erreichen können. Allerdings unterscheiden sich die Ergebnisse teilweise erheblich zwischen den untersuchten Substanzen und Anlagenkonfigurationen.

Vertikale und hybride Pflanzenfilter: Was zeigen die Studien?

Vertikal durchströmte Pflanzenfilter bieten durch ihre intermittierende Beschickung günstige Bedingungen für sauerstoffabhängige biologische Abbauprozesse. Untersuchungen zeigen, dass eine verbesserte Sauerstoffversorgung die Entfernung bestimmter Arzneimittelrückstände, darunter Diclofenac und Ibuprofen, begünstigen kann. In vertikalen Versuchsanlagen wurden für drei untersuchte Sulfonamid-Antibiotika beispielsweise Entfernungsraten zwischen 26 und 84 % nachgewiesen.

Besonders interessant sind auch hybride Pflanzenkläranlagen, bei denen unterschiedliche Filterstufen miteinander kombiniert werden. Durch die Verbindung vertikaler und horizontaler Bodenfilter entstehen verschiedene Sauerstoffbedingungen, die unterschiedliche Abbauprozesse ermöglichen. In einer großtechnischen Untersuchung eines dreistufigen hybriden Systems wurden für die untersuchten und erfolgreich entfernten organischen Spurenstoffe Entfernungsraten von über 80 % berichtet. Andere Untersuchungen zeigen jedoch deutlich niedrigere Werte, weshalb sich diese Ergebnisse nicht pauschal auf andere Anlagen und Substanzen übertragen lassen.

Wo liegen die Grenzen der bisherigen Forschung?

Trotz der vielversprechenden Ergebnisse bestehen noch wesentliche Wissenslücken. Viele Untersuchungen wurden in Labor- oder Pilotanlagen durchgeführt, während langfristige Erfahrungen unter großtechnischen Betriebsbedingungen weiterhin begrenzt sind. Zudem bedeutet die Entfernung eines Spurenstoffs aus dem Abwasser nicht zwangsläufig seinen vollständigen Abbau: Schadstoffe können im Filtermaterial zurückgehalten werden oder bei ihrer Umwandlung neue Verbindungen bilden, deren Umweltwirkungen noch nicht ausreichend untersucht sind.

Auch die langfristige Reinigungsleistung, der Flächenbedarf und die Wirtschaftlichkeit müssen genauer untersucht werden. Insbesondere fehlen noch allgemein anwendbare Bemessungsgrundlagen, um Pflanzenkläranlagen gezielt für die Entfernung bestimmter Spurenstoffe auszulegen und ihre Leistungsfähigkeit als eigenständige vierte Reinigungsstufe zuverlässig vorherzusagen.

Eine unserer Pflanzenkläranlagen im Einsatz

Welche Perspektiven ergeben sich für die zukünftige Abwasserbehandlung?

Ein besonders interessanter Ansatz ist die Kombination von Pflanzenkläranlagen mit bestehenden technischen Reinigungsverfahren. Während beispielsweise Ozonung oder Aktivkohlebehandlung bestimmte schwer abbaubare Spurenstoffe gezielt entfernen können, bieten nachgeschaltete Pflanzenfilter zusätzliche biologische Abbau- und Rückhaltemöglichkeiten. Ob und in welchem Umfang solche Kombinationen die Ablaufqualität verbessern, muss jedoch für die jeweiligen Schadstoffe und Betriebsbedingungen nachgewiesen werden.

Für die Planung von Pflanzenkläranlagen ergeben sich daraus neue Entwicklungsmöglichkeiten. Durch eine gezielte Anpassung der hydraulischen Belastung, Sauerstoffversorgung und Filtermaterialien könnten insbesondere vertikale und hybride Pflanzenfilter künftig zusätzliche Aufgaben in der weitergehenden Abwasserbehandlung übernehmen.

Fazit

Die aktuelle Forschung zeigt, dass Pflanzenkläranlagen ein relevantes Potenzial zur Entfernung ausgewählter organischer Spurenstoffe besitzen. Insbesondere vertikale und hybride Systeme bieten interessante Möglichkeiten, unterschiedliche Reinigungsprozesse gezielt miteinander zu kombinieren. Als eigenständige oder ergänzende vierte Reinigungsstufe eröffnen sie neue Perspektiven für eine energieeffiziente und naturnahe Abwasserbehandlung.

Mit über 30 Jahren Erfahrung in der Planung und im Bau von Pflanzenkläranlagen leistet Janisch & Schulz seit den Anfängen Pionierarbeit auf diesem Gebiet. Auch heute arbeiten wir im Rahmen verschiedener angewandter Forschungsprojekte aktiv an der Weiterentwicklung der Technologie. Die neuen Anforderungen an die Abwasserbehandlung sehen wir als Chance, unsere Erfahrung einzubringen und neue Wege zu gehen. Wir sind bereit, uns diesen Herausforderungen zu stellen und gemeinsam mit Forschungspartnern und kommunalen Betreibern Versuchsanlagen unter realen Bedingungen zu planen, zu betreiben und wissenschaftlich auszuwerten. So möchten wir dazu beitragen, das Potenzial von Pflanzenkläranlagen als vierte Reinigungsstufe weiter zu erforschen und die Technologie für zukünftige Anforderungen gezielt weiterzuentwickeln.

Quellen

EU-Richtlinie 2024/3019 über die Behandlung von kommunalem Abwasser https://eur-lex.europa.eu/legal-content/de/LSU/?uri=CELEX%3A32024L3019

Kushwaha, A., et al. (2024): Constructed wetlands for the removal of organic micropollutants from wastewater: Current status, progress, and challenges. Chemosphere, 360, 142364.

Gebru, S. B. & Werkneh, A. A. (2024): Applications of constructed wetlands in removing emerging micropollutants from wastewater: Occurrence, public health concerns, and removal performances – a review. South African Journal of Chemical Engineering, 48, 395–416.

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